Der wichtigste Pop-Poet der Welt

14. Oktober 2016 verfasst von nachrichten.at

Bob Dylans Künstlername ist eine Ehrerweisung an den walisischen Dichter Dylan Thomas. Bild: AP

 

Bob Dylan ist auch mit Analysen, die sich in dicken Wälzern ausbreiten, nicht zu erfassen. Mit einer nun schon sechs Jahrzehnte währenden Verwandlungskunst hat der 75-Jährige mehr als 600 Songs, Gedichtzyklen, Prosaarbeiten und Filmversuche auf die Welt gebracht – und die Welt in Gestalt der Schwedischen Akademie dankt es ihm nun mit der höchsten Würde, mit dem Nobelpreis für Literatur. Er habe "im Rahmen der großen amerikanischen Musiktradition neue poetische Ausdrucksformen geschaffen", sagte die Generalsekretärin des Nobelpreis-Komitees, Sara Danius.

Dylans Lebenswerk entfaltet sich zwischen William Shakespeare und Elvis Presley. Seine Songs beziehen sich auf Ovid, Dante, Arthur Rimbaud oder den vergessenen Südstaaten-Dichter Henry Timrod – auf bekannte oder unbekannte Stellen, auf obskure oder klassische Texte. Er collagiert Lieder und bündelt sie im eigenen musikalischen Magnetfeld. "Blowin’ in the Wind", "Tambourine Man" oder "Like a Rolling Stone" sind Hymnen der Pop-Kultur.

Schmerz und Glück

"Love and Theft" (Liebe und Diebstahl) heißt folgerichtig der programmatische Titel seines 2001 erschienenen Albums, mit dem Dylans phänomenales Spätwerk beginnt. Es ist der einzige Albumtitel, der bei Dylan unter Anführungsstrichen steht, weil sogar der Titel entlehnt ist: Er stammt von einem Buch Eric Lotts. Der Historiker der Virginia University hat darin über die amerikanische schwarz-weiße Mischkultur im 19. Jahrhundert geschrieben.

Dylan wurde 1941 als Robert Allen Zimmerman in Duluth im US-Bundesstaat Minnesota geboren. Drei epochale Alben ließen ihn die Pop-Musik für immer verändern: "Bringing It All Back Home", "Highway 61 Revisited" (jeweils 1965), "Blonde On Blonde" (1966). Mit den Beatles gewährleistete er, dass das lange belächelte Handwerk des Songwritings als Kunstform anerkannt wurde. 2015 überraschte der "heilige Bob" seine Jünger mit dem Sinatra-Album "Shadows In The Night". Darauf interpretierte der Mann mit der legendär begrenzten Stimme Balladen des Mannes mit der legendär samtigen Stimme und machte daraus so etwas wie Country. Dylan nutzte den Ausflug in die Ära vor der Poprevolution für einen musikalischen wie persönlichen Rückblick, geprägt vom Wissen, dass der eigene Schmerz zum Leben gehört wie das Glück. Lakonisch klang das, aber ohne Verklärung. Im Mai folgte sein bislang letztes Album "Fallen Angels".

Erster US-Dichter seit 1993

Dylan war schon oft im Gespräch für diese höchste Poeten-Auszeichnung – und doch hatte diesmal keiner mit ihm gerechnet. Während zuletzt vor allem politisches Engagement und ethische Tiefe preiswürdig waren, ist es 2016 der weltliterarische Anspruch von Songtexten.

Dass Dylan US-Amerikaner ist, mag jene besänftigen, die seit Jahren ein Übergewicht an europäischen Preisträgern reklamieren. 84 Mal ging die Auszeichnung bisher nach Europa, mehr als doppelt so oft wie in alle anderen Kontinente zusammen. Toni Morrison war 1993 die letzte aus den USA stammende Schriftstellerin, die in Schweden ausgezeichnet wurde.

Verliehen wird die mit 830.000 Euro dotierte Auszeichnung mit den übrigen Nobelpreisen am 10. Dezember, dem Todestag des Dynamiterfinders und Preisstifters Alfred Nobel, in Stockholm.

Die Literatur-Nobelpreisträger seit 1990

1990: Octavio Paz (Mex)
1991: Nadine Gordimer (SA)
1992: Derek Walcott (St.Lucia)
1993: Toni Morrison (USA)
1994: Kenzaburo Oe (Jap)
1995: Seamus Heany (Irl)
1996: Wislawa Szymborska (Pol)
1997: Dario Fo (Ita)
1998: José Saramago (Por)
1999: Günter Grass (D)
2000: Gao Xingjian (Fra)
2001: V. S. Naipaul (GB)
2002: Imre Kertész (Ung)
2003: J. M. Coetzee (SA)
2004: Elfriede Jelinek (Ö)
2005: Harold Pinter (GB)
2006: Orhan Pamuk (Tür)
2007: Doris Lessing (GB)
2008: J.-M. G. Le Clézio (Fra)
2009: Herta Müller (D)
2010: M. V. Llosa (Peru)
2011: Tomas Tranströmer (Swe)
2012: Mo Yan (China)
2013: Alice Munro (Kan)
2014: Patrick Modiano (Fra)
2015: S. Alexijewitsch (Blr)

Quelle: www.nachrichten.at

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